Früher zerstörte vor allem der Alkohol das wichtigste Stoffwechselorgan – heute immer öfter die falsche Ernährung.
Eine solche Krankheitsentwicklung sah man früher vor allem bei Alkoholikern und Patienten mit chronischer Virus-Hepatitis. 1980 beschrieb Jürgen Ludwig von der Mayo Clinic in Rochester in den USA erstmals eine sogenannte nichtalkoholische Leberverfettung und Leberentzündung, eine bis dahin unbekannte Krankheit. Seine Forschergruppe beschrieb zwanzig Patientinnen und Patienten mit einer Leberstörung, die unter dem Mikroskop wie eine alkoholische Fettleberentzündung aussah. Die Patienten hatten aber keinen Alkohol getrunken. Stattdessen waren sie mehrheitlich übergewichtig und hatten Krankheiten wie Diabetes Typ 2, die mit Übergewicht in Verbindung stehen.

Jeder Vierte lebt mit einer Leberverfettung
Seit Ludwigs Publikation wird die Diagnose der nichtalkoholischen Fettleber immer häufiger gestellt. Der Anstieg verlief parallel zur weltweiten Zunahme von Übergewicht. Inzwischen gilt die Fettleber in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland als häufigste Leberstörung überhaupt. Diese Patienten stellen auch die am stärksten wachsende Gruppe auf den Transplantationslisten für eine neue Leber dar.
Nach Schätzungen erfüllt hierzulande jeder vierte Erwachsene – und viele Kinder und Jugendliche – die Definition einer Leberverfettung. Bei ihnen lassen sich in mehr als 5 Prozent der Fettzellen Einlagerungen nachweisen. Sind es mehr als 50 Prozent der Zellen, wird von Fettleber gesprochen. Diese Personen sind aber nicht alle krank. Denn die Speicherung von Fetten gehört zu den Aufgaben der Leber. Wann es zu viel ist, ist individuell verschieden. Wegen dieser Unsicherheiten wird bei Gesunden nicht empfohlen, aktiv nach einer Fettleber zu suchen.
Das ist bei Personen mit dem sogenannten metabolischen Syndrom anders. Darunter versteht man ein medizinisches Quartett aus Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten. Bei diesen Personen, vor allem bei Übergewichtigen und Diabetikern, sollte man den Zustand der Leber beobachten. Diese haben alle ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten wie z.B. Herzinfarkt. Die Fettleber kann dieses Risiko zusätzlich erhöhen, was man bei der Beratung und Therapie des Patienten berücksichtigen muss.

Teil des metabolischen Syndroms
Außerdem wird die Fettleber heute als Manifestation des metabolischen Syndroms in der Leber angesehen. Die Störung könne deshalb gerade bei Übergewichtigen, die sich sonst gesund fühlten, ein Warnsignal sein, dass mit dem Stoffwechsel etwas nicht in Ordnung sein könnte. Dieses Warnsignal zu erkennen, ist umso wichtiger, als die Fettleber nur selten Beschwerden verursacht.
Einen ersten Hinweis können erhöhte Leberwerte im Blut liefern. In diesem Fall ist bei übergewichtigen Patienten und Diabetikern eine Ultraschalluntersuchung der Leber angezeigt. Mit der auch Fibro-Scan genannten ultraschallbasierten Untersuchungstechnik kann man von außen erkennen, ob die Leberverfettung bereits zu einem – durch Entzündung verursachten – bindegewebigen Umbau des Organs geführt hat. Eine solche Fibrose oder Narbenbildung lässt sich noch besser in der mikroskopischen Untersuchung von Lebergewebe erkennen und quantifizieren. Dafür ist allerdings eine Leberbiopsie notwendig.

Die Fibrose als entscheidendes Kriterium
Das Vorhandensein von Fibrose ist das entscheidende Kriterium bei der Fettleber. Denn ohne relevante Fibrose ist die Leberverfettung relativ harmlos. Das heißt, die anderen Gefahren durch das metabolische Syndrom sind bei diesen Patienten bedeutsamer. Bei Vorliegen einer Fibrose besteht die Gefahr, dass sich die Leber langsam in Richtung Zirrhose entwickelt. Dabei wird die Leber knotig umgebaut und immer mehr von der Blutversorgung abgeschnitten. Im Gegensatz zur Fibrose, die der Körper selber auflösen kann, ist die Zirrhose meist nicht mehr umkehrbar. Am Ende dieser Entwicklung steht das Leberversagen
Wie es beim Einzelnen zur Fettleber kommt, wird zwar noch nicht im Detail verstanden. Laut Fachleuten dürfte aber in den meisten Fällen eine sogenannte Insulinresistenz die Schlüsselrolle spielen. Dieser Mechanismus ist auch bei Typ-2-Diabetes zentral. Das erklärt, warum neben Übergewicht und Alkohol auch Diabetes ein zentraler Treiber der gefährlichen Leberverfettung ist. Bei der Insulinresistenz verlieren die Körperzellen ihre Reaktionsfähigkeit gegenüber dem lebenswichtigen Stoffwechselhormon Insulin. Das führt unter anderem dazu, dass mehr Fettsäuren und Triglyzeride (Fette) in die Fettzellen aufgenommen werden und in der Leber auch mehr Fette selber hergestellt werden.
Die körpereigene Fettproduktion wird nicht nur durch ein Überangebot an Kalorien hochgefahren. Den gleichen Effekt haben auch der vielen Nahrungsmitteln und Getränken zugefügte Haushalts- und der Fruchtzucker. Wie ein vor einem Jahr veröffentlichtes Experiment am Universitätsspital Zürich zeigte, genügt dazu ein Zucker-Shot von 80 Gramm. Das entspricht etwa acht Dezilitern eines handelsüblichen Softgetränks.
Die Behandlung der Fettleber muss unbedingt vor dem zirrhotischen Umbau des Organs beginnen. Dann sei selbst eine fortgeschrittene Fibrose noch umkehrbar. Das zeigt die enorme Regenerationsfähigkeit der Leber. Die Behandlung» besteht in erster Linie aus der Änderung des Lebensstils. Spezifische Medikamente gegen Leberverfettung gebe es nicht. Die Suche danach sei bisher eine lange Geschichte von Fehlschlägen gewesen.
Wenn es übergewichtigen Patienten gelingt, 10 bis 15 Prozent ihres Gewichts zu verlieren und regelmässig Sport zu treiben, dann bildet sich bei ihnen nicht nur die Leberverfettung zurück, sondern es profitieren auch die anderen Komponenten des metabolischen Syndroms davon. Die Behandlung wirkt somit als Rundumschlag gegen die wichtigsten Erkrankungen unserer Zeit wie Diabetes, Arteriosklerose, Bluthochdruck und vieles mehr.